VDE-AR-E 2122-1000 Anwendungsregel:2023-11 Standardschnittstelle für Ladepunkte/Ladestationen
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VDE-AR-E 2122-1000 Anwendungsregel:2023-11 Standardschnittstelle für Ladepunkte/Ladestationen
Mit dem zunehmenden Ausbau erneuerbarer Energien und der fortschreitenden Elektrifizierung der Mobilität entstehen neue Anforderungen an die digitale Steuerung der Energieflüsse in Gebäuden. Um den steigenden Bedarf an Lastmanagement und Anlageüberwachung zu decken, ist eine standardisierte Kommunikationsschnittstelle zwischen Energiemanagementsystem (EMS) und Ladeinfrastruktur erforderlich. Die VDE-Anwendungsregel VDE-AR-E 2829-6 standardisiert die notwendige Schnittstelle am Netzanschlusspunkt. Sie definiert die Mindestanforderungen an die Kommunikation zwischen lokalem EMS und Ladeeinrichtung (EVSE) und schafft so die Grundlage für eine einheitliche, sichere Integration in das Facility Management.
VDE-AR-E 2122-1000: Standardschnittstelle Ladepunkte
- Geltungsbereich und Ziele der Anwendungsregel
- Normative Positionierung und Beziehungen
- Begriffe, Rollen und Systemelemente
- Kommunikationsgrundsätze
- Anwendungsfälle und funktionale Anforderungen
- Anforderungen an Inbetriebnahme, Konfiguration und Koordination
- Integration in Facility-Management-Prozesse
- Anhangsstruktur für Implementierung
- Beispiel-Testprotokoll (Auswahl)
Geltungsbereich und Ziele der Anwendungsregel
Diese VDE-Anwendungsregel legt die Mindestanforderungen zur Kommunikation zwischen einer Ladeeinrichtung mit einem oder mehreren Ladepunkten und dem lokalen EMS hinter einem Netzanschlusspunkt fest. Sie enthält alle notwendigen Informationen für das Last- und Energiemanagement, unter Berücksichtigung der Vorgaben des Netzbetreibers (z. B. FNN-Ladesteuerung). Elektrische Sicherheitsanforderungen (z. B. Schutzmaßnahmen) sind nicht Gegenstand dieser Regel. Ziel ist es, mit der definierten Schnittstelle eine herstellerunabhängige, interoperable Steuerung von Ladevorgängen zu ermöglichen.
Normative Positionierung und Beziehungen
Die vorliegende Anwendungsregel ist eine VDE-AR (vom DKE-Komitee 353 „Elektrofahrzeuge“ erstellt). Sie ergänzt bestehende Normen und Vorgaben in der Elektromobilität. Beispielsweise baut sie auf der VDE-AR-E 2122-1000 auf, die eine generische Schnittstelle zwischen Ladeinfrastruktur und EMS beschreibt. Gleichzeitig orientiert sie sich an internationalen Standards (z. B. dem im Entwurf befindlichen IEC 63380 für EMS–EVSE-Kommunikation) und den EEBus-Protokollen SPINE (Datenmodell) und SHIP (Übertragung). Darüber hinaus berücksichtigt sie regulatorische Vorgaben wie § 14a EnWG (Netzbetreiber-Steuerung) und die BSI-Spezifikation TR-03109-5 (sichere Anbindung an das Smart-Meter-Gateway). Damit wird sichergestellt, dass gesetzliche Anforderungen und technische Schnittstellen im Facility-Management kompatibel sind.
Begriffe
Energiemanagementsystem (EMS): Ein softwaregestütztes System zur Steuerung und Optimierung des Energieeinsatzes im Gebäude. Ladeeinrichtung (EVSE): Ladepunkt oder -station für Elektrofahrzeuge mit definierten Leistungsparametern. Netzanschlusspunkt (GCP): Schnittstelle zum öffentlichen Stromnetz, an dem EMS und EVSE angeschlossen sind.
Rollen: Wesentliche Akteure und Verantwortlichkeiten sind typischerweise (siehe Rollenmatrix):
| Rolle | Verantwortlichkeiten |
|---|---|
| Liegenschaftseigentümer | Stellt die Ladeinfrastruktur und EMS-Anlage bereit. Legt Rahmenbedingungen (Anschlussleistung, Budget) fest. |
| Facility Manager | Erstellt Pflichtenheft für EMS/EVSE, koordiniert Planung, Beschaffung und Betrieb. Überwacht Schnittstellenkonformität und Wartung. |
| EMS-Anbieter / -Betreiber | Liefert und wartet das EMS. Implementiert Datenmodell (z. B. SPINE) und Protokolle (EEBUS/SHIP). Konfiguriert Lastmanagementfunktionen. |
| EVSE-Hersteller | Entwickelt und liefert die Ladeeinrichtung mit definierter Schnittstelle. Stellt technische Dokumentation und Firmware-Updates bereit. |
| Netzbetreiber (VNB) | Gibt Netzanschlussbedingungen und Leistungslimits vor (z. B. vertraglich vereinbarte Anschlussleistung, Lastprofile). |
| Systemintegrator / Dienstleister | Führt Inbetriebnahme durch, verbindet EMS und EVSE gemäß Pflichtenheft und gewährleistet Funktionstests sowie Koordination der Kommunikationsschnittstelle. |
Kommunikationsgrundsätze
IP-basiert und interoperabel: Die EMS–EVSE-Schnittstelle arbeitet in einem IP-Netzwerk (Ethernet, WLAN oder Mobilfunk). Dabei wird das EEBUS-Datenmodell SPINE verwendet, übertragen über das SHIP-Protokoll (Smart Home IP). Diese offene Architektur ermöglicht herstellerübergreifende Kommunikation.
Plug-&-Work: Geräte sollen automatisch erkannt werden (z. B. mittels DNS-SD oder Multicast), um eine einfache Inbetriebnahme zu ermöglichen.
Sicherheit: Es sind Verschlüsselung und Authentifizierung einzusetzen (z. B. TLS/TCP). Kommunikationspartner müssen eindeutig identifiziert werden, um Manipulationen zu verhindern.
Zuverlässigkeit: Mechanismen wie Heartbeat-Signale, Acknowledgement und definierte Fallback-Zustände müssen integriert sein, um bei Unterbrechung einen sicheren Basisbetrieb zu gewährleisten.
Bidirektional: Sowohl EMS als auch EVSE können aktiv Daten senden und empfangen (z. B. Verbrauchsdaten, Steuersignale, Ereignismeldungen).
Die Tabelle zeigt wichtige Datenkategorien, die über die Schnittstelle ausgetauscht werden können. Sie dienen dem Last- und Energiemanagement sowie dem Zustandserhalt und der Diagnose.
| Kategorie | Beispiele / Zweck |
|---|---|
| Geräte- und Verbindungsdaten | Ladepunkt-IDs, Phasenanzahl, maximale Ladeleistung (Ampere), Steckertyp. Ermöglicht Zuordnung und Basis-Parametrierung. |
| Betriebs- und Messdaten | Aktuelle Leistung (W), Energieverbrauch (kWh), Ladespannung/Strom, Ladezustand (SoC). Dient der Überwachung und Dokumentation. |
| Steuerbefehle | Leistungslimits, Start-/Stopp-Signale, dynamische Tarife oder Ladeprofile. Ermöglicht Lastbegrenzung und Ladeplanung. |
| Ereignis-/Statusmeldungen | Ladebereit-, Laden-, Abbruch-Meldungen, Fehlermeldungen. Unterstützt Störfallmanagement und Protokollierung. |
| Tarif- und Zeitinformationen | Zeitvariable Stromtarife, vorgelagerte Spannungskurven. Ermöglicht zeitoptimiertes Laden und Netzdienlichkeit. |
Kommunikationsfluss
Die Daten können direkt zwischen EMS und EVSE ausgetauscht werden oder über eine Zwischenschicht (z. B. Cloud-Backend), solange die Latenz- und Sicherheitsanforderungen eingehalten werden. In jedem Fall muss gewährleistet sein, dass alle relevanten Use Cases (siehe Abschnitt 6) unterstützt werden. Die Schnittstelle soll also für alle Partner gleich implementiert sein, um Interoperabilität zu sichern.
Wichtige Beispiele sind:
Leistungsbegrenzung (Load Point Control): Das EMS kann an die EVSE ein temporäres Leistungs- oder Stromlimit übermitteln. Dies dient der Vermeidung von Netzüberlastungen. (Gemäß VDE-AR-E 2829-6 wird hierfür typischerweise der EEBUS Use Case Load Point Control (LPC) eingesetzt.)
Überwachung / Monitoring: Die EVSE sendet regelmäßig Betriebsdaten (Leistungsaufnahme, Energieverbrauch) und Statusmeldungen (z. B. „Ladevorgang aktiv“, Fehler). Das EMS nutzt diese Daten zur Optimierung der Energiebilanz.
Koordiniertes Laden (Multiple EV Coordination): Das EMS steuert mehrere Ladepunkte zeitgleich. Es vergleicht dazu die Gesamtenergiebereitstellung (z. B. PV-Einspeisung) mit dem Bedarf und verteilt die verfügbare Leistung nach festgelegten Algorithmen.
Ladezustands- und Batteriezustandsmeldung: EV oder EVSE übermitteln den aktuellen Ladezustand (State of Charge) und ggf. Batteriekapazität. Dieses Feedback erlaubt eine vorausschauende Ladestrategie (z. B. verbleibende Ladezeit). (Sektion 6.7 der Regel).
Zusammenfassung des Ladevorgangs: Nach Abschluss eines Ladevorgangs stellt die EVSE dem EMS alle relevanten Daten zur Verfügung (Ladedauer, geladene Energiemenge, max. Leistung). Diese Daten sind für Abrechnung und Analyse nützlich (siehe Abschnitt 5.5 der Anwendungsregel).
Eigenverbrauchsoptimierung: Das EMS kann die Ladeleistung an die lokale Erzeugung anpassen (z. B. Solarstrom) und dadurch den Netzeinspeisung minimieren. Die Schnittstelle unterstützt die Übermittlung dynamischer Tarife oder Erzeugungsprognosen.
Fehler- und Fallback-Funktionen: Bei Störungen im Kommunikationsnetz oder an den Geräten muss ein sicherer Zustand definiert sein (z. B. Ladestopp oder Rückfall auf Minimalladung). Ereignisse und Fehlermeldungen werden sofort übermittelt, um eingreifen zu können.
Neu hinzugefügte Use Cases in der aktuellen Fassung der VDE-AR umfassen u. a. die Ladebeendigungs- bzw. Ladezusammenfassung, die Überlastbegrenzung durch Ladestromlimitierung und das koordinierte Laden mehrerer Fahrzeuge sowie die Anzeige des Ladezustands. Diese Funktionen müssen durch die Schnittstelle umgesetzt werden.
Zur erfolgreichen Inbetriebnahme müssen EMS und EVSE konfiguriert und geprüft werden:
Initiale Konfiguration: IP-Adressen, Port-Nummern, Zertifikate und Identifikationsdaten der Geräte werden abgeglichen. Die Kommunikationsparameter (z. B. maximale Stromstärken, Zeitprofile) sind im EMS und in der EVSE einheitlich zu hinterlegen.
Funktionstests: Ein Inbetriebnahme-Protokoll dokumentiert die Konformität: Verbindungsaufbau, Authentifizierung, Datenübertragung (gemessene vs. übertragenen Verbrauchswerte), Heartbeat-Funktion und die genannten Use Cases werden getestet. Ergebnisse werden als Abnahmeprotokoll festgehalten. (Neue Abschnitte 6.2 und 6.3 der Regel beschreiben Anforderungen an Inbetriebnahme und koordiniertes Laden.)
Koordination: Betreiber von EMS und Ladeinfrastruktur stimmen Betriebsabläufe ab. Gegebenenfalls wird eine zentrale Koordinierungsinstanz eingerichtet, die Lasten im gesamten Gebäude oder Campus optimal verteilt (vgl. VDE-FNN-Koordinierungsfunktion auf Betriebsebene). Vertragliche Regelungen zwischen Ladesäulenbetreiber, EMS-Provider und Energieversorger sind zu klären.
Dokumentation: Alle Konfigurationsschritte und Testergebnisse werden dokumentiert. Die Dokumentation muss sicherstellen, dass die Schnittstellenanforderungen jederzeit nachvollziehbar sind.
Für das Facility Management ergeben sich folgende Anwendungspraktiken:
Planung und Pflichtenheft: Die Anforderungen dieser VDE-AR fließen in Planung und Anforderungsprofil (Pflichtenheft) für EMS und Ladeinfrastruktur ein. Dem Pflichtenheft muss eine genaue Schnittstellendefinition beiliegen (inkl. unterstützter Use Cases und Protokolle).
Beschaffung: Bei Ausschreibungen und Kaufverträgen ist sicherzustellen, dass EMS und EVSE die genormte Schnittstelle unterstützen (z. B. EEBUS/SPINE/SHIP oder kompatible Standards). Herstellerneutrale Lösungen steigern die Flexibilität.
Betriebsführung: Facility Manager überwachen den Echtzeitbetrieb. Dies umfasst die Protokollierung von Leistungsdaten, die automatische Erkennung von Ausfällen und die Benachrichtigung verantwortlicher Stellen. Schwellenwerte (z. B. für Ladeleistung) können Teil des Facility-Monitorings werden.
Wartung und Updates: Regelmäßige Wartungstermine prüfen nicht nur Hardware, sondern auch die Kommunikationsfunktion (z. B. Test der Heartbeat-Signale). Firmware- und Software-Updates des EMS/EVSE werden gemäß Change-Management-Prozess eingespielt und dokumentiert.
Dokumentation und Schulung: Eine strukturierte Dokumentation (Handbücher, Schnittstellendefinition) wird gepflegt. Bedien- und Wartungspersonal erhält Schulungen zu den neuen Funktionen. Zudem werden Schnittstellenprüfungen im Rahmen des Qualitätssicherungs- oder Energieaudit-Systems (z. B. ISO 50001, ISO 41001) berücksichtigt.
Anhangsstruktur für Implementierung
Für eine praxisgerechte Implementierung im Facility Management kann ein Anhang (bei Dienstleistern oder in Leistungsverzeichnissen) folgende Elemente enthalten: Rollendefinitionen, Use-Case-Beschreibungen, technische Details der Schnittstelle, Pflichtenheft-Vorlagen, Checklisten und Testprotokolle. Tabelle 9‑1 und 9‑2 geben Beispiele für erforderliche Dokumente und Prüfprotokolle.
Mindestdokumentation für die EMS–EVSE-Schnittstelle
| Dokument | Inhalt / Zweck |
|---|---|
| Schnittstellenpflichtenheft | Ausführliche Beschreibung aller funktionalen Anforderungen (Use Cases, Datenkategorien), Leistungsparameter (z. B. max. Strom) und Systemgrenzen. |
| Kommunikationsspezifikation | Detaillierte Festlegung des Datenmodells (z. B. SPINE-Domänen) und Protokollablaufs (SHIP/IT-Schicht, Ports, Zertifikate). |
| Inbetriebnahmeprotokoll | Ergebnisdokumentation aller Funktionstests (Verbindungsaufbau, Datenübertragung, Heartbeat, Spezielle Use Cases). Kennzeichnet die Konformität. |
| Betriebs- und Wartungshandbuch | Beschreibung der Betriebsmodi, Ablauf bei Notfällen, Fehlersuche und Wartungshinweise. Enthält ggf. eine Übersicht über Schnittstelleneinstellungen. |
| Änderungs- und Updateprotokoll | Historie aller Änderungen an HW/SW (z. B. Firmware-Versionen, Konfigurationsanpassungen) mit Datum und Verantwortlichem. |
Beispiel-Testprotokoll (Auswahl)
| Test | Zweck | Abnahmebedingung |
|---|---|---|
| Verbindungsaufbau | IP-Verbindung und SHIP-Verbindung etablieren. | EMS und EVSE tauschen Testmeldungen erfolgreich aus. |
| Datenübertragung | Austauschen von Simulationsdaten (z. B. W/Daten). | Gesendete Messwerte werden korrekt empfangen und protokolliert. |
| Lastbegrenzung (LPC) | Überprüfung des Limitsignals. | EVSE reduziert den Ladestrom gemäß Vorgabe des EMS. |
| Herzschlag (Heartbeat) | Kontinuität der Verbindung simulieren. | Bei Unterbrechung aktivieren beide Systeme definierten Fallback. |
| Koordiniertes Laden (LPP) | Mehrere Ladepunkte synchronisieren. | EMS verteilt verfügbare Leistung konsistent auf alle Ladesäulen. |
