VDE 0105-1:2024-11 Betrieb von elektrischen Anlagen als FM-Leitnorm für sicheren Betrieb, Schalthandlungen und Arbeiten an/nahe elektrischer Anlagen
Die VDE 0105-1:2024-11 legt als nationale Umsetzung der europäischen Grundnorm zum Betrieb elektrischer Anlagen die maßgeblichen Anforderungen für den sicheren Betrieb sowie für Arbeiten an, mit oder in der Nähe elektrischer Anlagen fest. Sie gilt spannungsübergreifend und adressiert sowohl elektrotechnische als auch nichtelektrotechnische Tätigkeiten, sofern elektrische Gefährdungen auftreten können. Für das Facility Management (FM) stellt die Norm einen zentralen Governance-Rahmen dar, mit dem Betreiberpflichten, Rollen und Verantwortlichkeiten, Arbeits- und Schaltfreigaben, Instandhaltungs- und Betriebsabläufe sowie Schutz-, Aufsichts- und Dokumentationspflichten systematisch geregelt werden. Ziel ist es, elektrische Risiken organisatorisch und technisch zu beherrschen und alle Tätigkeiten nachvollziehbar, regelkonform und auditfähig zu steuern.
Betrieb und Instandhaltung elektrischer Anlagen im FM
Der Anwendungsbereich der VDE 0105-1 umfasst den Betrieb elektrischer Anlagen sowie alle Arbeiten an, mit oder in der Nähe solcher Anlagen, unabhängig von der Spannungsebene. Dazu zählen insbesondere betriebliche Tätigkeiten, Instandhaltungsmaßnahmen, Prüfungen, Schalthandlungen und Überwachungsaufgaben. Die Norm gilt ebenso für nichtelektrotechnische Arbeiten, sofern diese in Bereichen stattfinden, in denen elektrische Gefährdungen vorhanden sind oder entstehen können. Typische Beispiele sind Bau-, Reinigungs-, Montage- oder Transportarbeiten in der Nähe aktiver elektrischer Betriebsmittel.
Nicht oder nur eingeschränkt erfasst sind spezielle Anwendungsbereiche mit eigenen Regelwerken, etwa bestimmte Anlagen in der Luftfahrt, im Bahn-, Schiffs- oder Bergbaukontext. Für das FM bedeutet dies, dass der Geltungsbereich im Anlagenkataster und in den Betriebsanweisungen klar abgegrenzt und dokumentiert werden muss.
Normative Verweisungen
Die normativen Verweisungen bilden die fachliche Grundlage für die Anwendung der VDE 0105-1. Sie stellen sicher, dass Begriffe, Rollenverständnisse und technische Grundprinzipien einheitlich interpretiert werden. Für das Facility Management sind diese Verweisungen insbesondere relevant, um eine konsistente Terminologie, ein klares Kompetenzverständnis und ein abgestimmtes Sicherheitsniveau über alle organisatorischen Einheiten hinweg sicherzustellen. Sie wirken verbindlich und sind bei der Erstellung interner Regelwerke, Betriebsanweisungen und Schulungsunterlagen zu berücksichtigen.
Begriffe, Definitionen und Abkürzungen
Dieser Abschnitt konsolidiert die in der Norm verwendeten Begriffe, Definitionen und Abkürzungen, insbesondere zu elektrischen Anlagen, Arbeitsarten, Verantwortungsrollen, Schutzmaßnahmen sowie zu Aufsicht und Beaufsichtigung. Für das FM ist diese Begriffsdefinition entscheidend, da sie die Grundlage für rechtssichere Betriebsorganisation, klare Zuständigkeiten und eindeutige Arbeitsfreigaben bildet. Die Verwendung standardisierter Abkürzungen für Rollen und Funktionen unterstützt eine einheitliche Kommunikation und reduziert Fehlinterpretationen im Betrieb.
FM-Begriffs-/Rollen-Governance (als Struktur für das Betreiberhandbuch)
Element
Zweck im FM-Betrieb
Typischer Nachweis/Ort
Rollenbegriffe (Verantwortungsrollen)
Klare Zuständigkeiten, Freigaben, Eskalation
Organisationsanweisung, Verantwortungsmatrix
Arbeitsarten (spannungsfrei/unter Spannung/nahe)
Festlegung zulässiger Verfahren je Risiko
Arbeits-/Schaltanweisung, Gefährdungsbeurteilung
Zonen/Schutzabstände
Einheitliche Planung von Absperrung und Aufsicht
Arbeitsfreigabe, Absperr-/Kennzeichnungsplan
Aufsicht/Beaufsichtigung
Kontrollniveau passend zur Gefährdung
Einsatzplanung, Permit-to-Work/Arbeitsfreigabe
Grundlegende Anforderungen an den sicheren Betrieb
Er beschreibt die grundlegenden Anforderungen an Organisation, Verantwortlichkeiten, Kommunikation, Dokumentation, Sicherheitsregeln und Kontrollmechanismen. Die Ausgabe 2024-11 präzisiert Rollenabkürzungen, erweitert Begriffsdefinitionen und konkretisiert Anforderungen an Aufsicht und Beaufsichtigung. Zudem wurde eine zuvor informative Tabelle in den normativen Teil übernommen, wodurch ihre Verbindlichkeit für den Betrieb erhöht wurde. Für das FM bedeutet dies, dass der sichere Betrieb elektrischer Anlagen nicht allein technisch, sondern vor allem organisatorisch strukturiert werden muss, mit klaren Regelungen für Planung, Freigabe, Durchführung und Kontrolle.
Mindest-Governance-Bausteine für FM
Governance-Baustein
Inhaltlicher Fokus
FM-Artefakt (Beispiel)
Betriebsorganisation
Aufbau-/Ablauforganisation für Betrieb und Arbeiten
Dieser Abschnitt strukturiert die im Betrieb typischen Vorgänge, wie Schalthandlungen, Betriebsüberwachung, Wiederinbetriebnahmen und die Koordination mit Fremdgewerken. Die Norm fordert, dass diese Vorgänge klar definiert, risikobewertet, verantwortungszugeordnet und dokumentiert werden. Die Überarbeitung der Gliederung in der Ausgabe 2024-11 unterstützt eine prozessorientierte Darstellung, die sich gut in FM-Prozessregister und CAFM-Systeme integrieren lässt.
Betriebsvorgänge als Prozessfamilien im FM
Prozessfamilie
Ziel
Typischer Trigger im FM
Schalthandlungen und Schaltzustände
Sichere Herstellung/Änderung von Betriebszuständen
Instandhaltung, Störung, Umbau
Betriebsüberwachung
Erkennen von Abweichungen/Gefährdungen
Rundgänge, Monitoring, Meldungen
Wiederinbetriebnahme
Sichere Rückführung in den Normalbetrieb
Nach Arbeiten/Prüfungen/Störungen
Koordination mit Fremdgewerken
Schutz bei Arbeiten Dritter in Anlagennähe
Bau-/Umbauprojekte, Dienstleister
Arbeiten an, mit oder in der Nähe elektrischer Anlagen
Dieser Abschnitt ist der zentrale Teil zur Klassifikation von Arbeitsarten und den jeweils erforderlichen Schutzmaßnahmen. Er unterscheidet zwischen Arbeiten im spannungsfreien Zustand, Arbeiten unter Spannung sowie Tätigkeiten innerhalb oder außerhalb der Annäherungszone. Die Ausgabe 2024-11 überarbeitet die allgemeinen Anforderungen und konkretisiert die Schutzmaßnahmen je Arbeitsart. Für das FM ergibt sich daraus eine klare Grundlage für Arbeitsfreigaben, Qualifikationsanforderungen, Aufsichtsniveaus und persönliche Schutzausrüstung.
Arbeitsarten gemäß Normlogik und FM-Steuerungsobjekte
Die Anhänge enthalten normative und informative Ergänzungen, die die praktische Anwendung unterstützen, etwa Tabellen zu Schutzabständen, erläuternde Hinweise oder ergonomische Aspekte. In der aktuellen Ausgabe wurde eine Tabelle aus dem informativen Anhang in den normativen Teil übernommen, was ihre Bedeutung für die betriebliche Praxis unterstreicht. Für das FM dienen die Anhänge als Hilfsmittel für Planung, Schulung und standardisierte Umsetzung.